Wirtschaft ohne Wachstum?!

Horrorszenario oder wünschenswerte Utopie?

(pk) Dass sich die derzeit vorherrschende Wirtschaft angesichts der immer sichtbarer werdenden Grenzen des Wachstums neu ausrichten muss, ist nicht zu übersehen. Aber auch auf zivilgesellschaftliches und politisches Engagement kommt es an, wenn der notwendige Wandel gelingen soll. Der renommierte Klimaforscher, Hochschullehrer und Politiker Prof. Dr. Hermann E. Ott hat im Februar 2017 zu diesem Thema in der VHS in Essen einen Vortrag gehalten.

Zweifellos hat das bisherige Wirtschaftswachstum unübersehbare Vorteile gebracht, so Hermann Ott, insofern die Armut reduziert wurde, und ein komfortabler, von Zwängen befreiter Lebensstil entwickelt werden konnte – auch wenn das längst noch nicht für alle Menschen auf Erden gilt. Allerdings ist das wirtschaftliche Wachstum mittlerweile an seine Grenzen gelangt, es funktioniert so nicht mehr. Das hängt u.a. auch mit dem Anstieg der Weltbevölkerung zusammen. „Ein Mensch, der heute achtzig Jahre alt ist, hat in seiner Lebenszeit eine Vervierfachung der Weltbevölkerung erlebt. Wir werden bald die Zahl von 8 Mrd. Menschen auf Erden erreicht haben. Wir wissen nicht, wie sich das weiter entwickeln wird, aber dieses gleichzeitige Wachstum der menschlichen Population und des industriellen Metabolismus hat zu enormen Belastungen der Erde geführt.“ Diese, durch menschliche Lebensart bedingten Belastungen haben im Ökosystem gewaltige, teilweise irreversible Veränderungen bewirkt. Bezüglich von Klimawandel, Biodiversität und Stickstoffkreislauf wurden die planetaren Grenzen bereits weit überschritten. „Der Mensch greift mit unumkehrbaren Folgen so stark in die Systeme unserer Erde ein, dass er ein bestimmender Faktor geworden ist. Wissenschaftler sprechen darum auch mittlerweile vom „Anthropozän“ wenn sie unser Zeitalter meinen.“

 

Dabei ist der ökologische Fußabdruck weltweit sehr ungleich verteilt. Von Nordamerika, Europa und China gehen im Verhältnis zur Landfläche die größten Belastungen aus, während Afrika und Südamerika aufgrund der größeren Biokapazität einen verhältnismäßig kleineren Fußabdruck hinterlassen. Insgesamt gesehen übersteigt der von Menschen hinterlassene Fußabdruck allerdings die Regenerationskräfte der Erde. „Und die bekannteste Folge davon bezeichnen wir als „Klimawandel“. Es handelt sich um eine Veränderung unserer Erdatmosphäre, die darauf zurückgeht, dass wir fossile Ressourcen aus dem Erdboden holen, um sie zu verbrennen. Die Strahlungsbilanz, also das Verhältnis zwischen eingehender und abgehender Strahlung, wird verändert, und zwar in einem Maß, dass es schwierig werden könnte, das, was wir als menschliche Zivilisation kennen, aufrecht zu erhalten.“

 

Angesichts der Herausforderungen bezüglich eines ökologisch sinnvollen Lebens der Menschen auf Erden stellt sich ebenso auch die soziale Frage in neuer, globaler Dimension. Der Wohlstand ist sehr ungleich verteilt. „Das, was mit dem wirtschaftlichen Wachstum erreicht werden soll, tritt nicht mehr ein. Die Verteilung ist immer ungerechter. (…) Die Gleichung „Wachstum ist Wohlstand“ geht nicht mehr auf. Wachstum ist eben nicht gleich bedeutend mit Wohlstand, es sind vielmehr gewisse Zwänge, die uns immer weiter treiben: Finanzkrise, Schuldenanstieg, Finanzierung der Sozialsysteme, demografischer Wandel – all das treibt unentwegt zu mehr Wirtschaftswachstum.“ Was würde es diesbezüglich bedeuten, wenn der Prozess der neo-liberalen Globalisierung unter dem neuen Präsidenten der USA nicht weiter verfolgt würde? Ergäbe sich dann etwa ein unbeabsichtigter Prozess des „Degrowth“?

 

Zwar sind auch diverse Erfolge zu verzeichnen, die in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten errungen worden sind, doch wird das Erreichte vielfach durch den Rebound-Effekt kompensiert. „Wenn sich die Effizienz verbessert, wird der dadurch gegebene Vorteil im Regelfall durch Mehrverbrauch aufgezehrt. Wenn aufgrund einer Effizienzsteigerung Preise sinken, wird der entstandene Vorteil als solcher nicht genutzt, sondern durch erhöhten Verbrauch kompensiert. Fazit: Effizienzgewinne werden sehr häufig durch Mengeneffekte wieder ausgeglichen!“ Das gilt jedenfalls solange, bis die Neigung zum Mehrkonsum nicht bewusst eingedämmt wird. Dass auch diesbezüglich jeder Einzelne positive Wirkungen erzielen kann, hat Hermann Ott in seinem Vortrag mit Blick auf die von Harald Welzer sogenannte „mentale Infrastruktur des Wachstums“ beschrieben, die auf den Werten Autonomie und Freiheit, Buchhaltung und Effizienz, sowie Kreativität und Innovation beruht. „Das besondere an diesen mentalen Infrastrukturen: Wir sind uns der Wirkung dieser „Leitplanken“ in der Regel überhaupt nicht bewusst, haben sie so sehr internalisiert, dass wir diese Vorstellungen für normal halten. Wir müssen uns jedoch klar darüber sein, dass diese Ideen unsere Fähigkeit zur Gestaltung unseres Lebens und der Gesellschaft beeinflussen.“

 

Die Gesellschaft der Zukunft muss, wenn sie ökologisch und sozial sinnvoll sein soll, einerseits lokalistisch ausgerichtet sein, andererseits aber durchlässig für weitreichende kulturelle Entwicklungen. Die von Rob Hopkins angestoßene „Transition-Town-Bewegung“ kann dafür als exemplarisch betrachtet werden. Folgen hätte das auch auf den zeitlichen Anteil der Erwerbsarbeit, der, folgt man den Ideen von Niko Paech, in einer gelungenen Postwachstumsökonomie bis auf 20 Wochenstunden schrumpfen kann, wenn zugleich der lokale Austausch zunähme.

Für die Möglichkeiten, neue Formen des Wirtschaftens entwickeln zu können, kommt den Graswurzelbewegungen große Bedeutung zu. Urban-Gardening, Tauschringe oder Regionalwährungen sind gute Beispiele für langfristig mögliche Innovationen, insofern die gesetzten Impulse politisch aufgegriffen werden. „Politik ist sozusagen geronnene Gesellschaftspraxis, sie ermöglicht es allen Menschen, nicht nur ein paar Pionieren, andere Lebensstile zu ergreifen.“ In seiner politischen Arbeit engagiert Hermann Ott sich für dieses Ziel. In einer Enquete-Kommission war er an der Entwicklung vom „grünen Wohlstandskompass“ beteiligt, durch den über den ökologischen Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität, die 80/20-Relation für die Einkommensverteilung, eine subjektive Befragung zur Lebensqualität und das BIP pro Kopf für die Wirtschaftskraft die Lebenszufriedenheit insgesamt abgebildet werden kann. Im Ergebnis trat zutage, „dass es dreier Strategien bedarf. Es geht um die Effizienz, also darum, wie man Dinge durch technologische Fortschritte besser machen kann. Zweitens geht es um die Konsistenz, womit gemeint ist, dass man Dinge im Rahmen der ökologischen Systeme anders machen kann. Ein Beispiel dafür ist der Ersatz fossiler durch erneuerbare Energie. Das dritte und schwierigste ist die Suffizienz, weil damit ein Weniger von allem gemeint ist, weil es um Begrenzung geht. Das ist der Bereich, wo die Herausforderung am größten ist.“

 

Und als Resümee: „Was die Zukunft uns bringen wird ist schwer zu sagen. Wir wissen aber, dass sich alles immer schneller ereignet und verändert. (…) Und es gibt manches, was dem Wandel dienlich ist, und dem eine transformative Kraft zu eigen ist. (…) Insofern bin ich sehr optimistisch, was die Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderungen betrifft. Wir müssen nicht genau wissen was alles sich wie verändern muss. Aber wir müssen die Vision einer besseren Welt haben – und die Bedingungen dafür schaffen, dass ganz viele kleine Verbesserungen die Chance haben sich durchzusetzen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger!“

 

Prof. Dr. Hermann E. Ott ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, Senior Advisor für Globale Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsstrategien beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und lehrt als Honorarprofessor an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Website: www.hermann-e-ott.de