Sterben ermöglicht neues Leben

Zum Gedenken an Valentin Bjelokon

(von Peter Krause, Herdecke)

Der SuperGAU in Tschernobyl, der sich am 26. April 1986 ereignet hatte, hat als Jahrhundertkatastrophe die ganze Welt verändert. In der Unglücksnacht gehörte auch der Arzt Valentin Bjelokon zu den Ersthelfern. Über seinen damaligen heldenhaften Einsatz hinaus hatte er in den Jahren danach Beeindruckendes geleistet. Am 13. Februar diesen Jahres ist er schließlich in Donezk verstorben.

Valentin war junger Arzt und Vater zweier kleiner Töchter, als er gemäß Dienstplan am 25. April den ärztlichen Bereitschaftsdienst im Krankenhaus in Pripjat zu versehen hatte, als die Meldung einging, dass es im Reaktor in Tschernobyl zu einem „Brand“ gekommen war. Als er bald darauf mit seinem Fahrer das Reaktorgelände erreicht hatte, wurde das wahre Ausmaß der Katastrophe deutlich. Er berichtete: „Als wir dann beim Verwaltungsgebäude nahe am Reaktor eintrafen, bemerkten wir dort einige Soldaten in Strahlenschutzkleidung, die uns mitteilten, dass das Betreten des Betriebsgeländes nicht ungefährlich sei. Trotzdem wir keine Strahlenschutzkleidung hatten, entschied ich zu fahren. Ich hatte so entschieden.“ Diese schnell getroffene Entscheidung sollte sein gesamtes Leben verändern!

In seiner Studienzeit hatte er immer schon Kinderarzt werden wollen, wurde dann aber Chirurg. Dennoch blieb er der Pädiatrie besonders verbunden, insofern, wie er es sagte, er den Kindern nicht nur mit dem Skalpell zur Seite stehen wollte. Er wollte ihnen die Gesundheit bringen, sie lehren, leben zu wollen. Wer Valentin erlebt hat, erfuhr, wie einfühlsam und liebevoll er dieses Ideal umzusetzen wusste. Sein ärztliches Können hatte er dafür später durch das Studium der asiatischen und der anthroposophischen Medizin erweitert.

Zwei Tage nach der Katastrophe, Valentin war als schwerverstrahlter Patient in die Strahlenklinik nach Moskau gebracht worden, wurde seine Familie evakuiert. Sie fanden Quartier bei Valentins Mutter in Donezk. In dieser Stadt in der Ostukraine hat Valentin später u.a. in der Kreiskinderklinik gearbeitet. In den Sommermonaten übernahm er die Leitung von einem medizinischen Dienst in einem Ferienlager in Slavjanogorsk. Hier, in diesem Ferienlager in einer der umweltgesündesten Regionen der Ukraine, lernte ich Valentin im April 1992 kennen.

Wir waren für ein verlängertes Wochenende mit einer Schülergruppe der Rudolf Steiner Schule aus Bochum und zwei ukrainischen Schulklassen dorthin gekommen. Diesen Jugendlichen berichtete Valentin auf unsere Bitte hin von jener Unglücksnacht, die damals erst wenige Jahre zurück lag. Der Abend, der von den Jugendlichen mit musikalischen Beiträgen gerahmt worden war, war auch darum so beeindruckend, weil es der Jahrestag der Katastrophe war – niemand von uns hatte das bedacht – , Valentin war in seinen Erzählungen mehrmals den Tränen sehr nah. In seiner verbleibenden Lebenszeit, so sagte er damals, wolle er für die Kinder von Tschernobyl im Ferienlager eine Behandlungsstation aufbauen.

In der darauf folgenden Nacht, es war die vom russischen Osterfest, nahmen wir mit einigen Jugendlichen am Gottesdienst in einem nahegelegenen Dorf teil. Auf dem Rückweg erwachte dann der Entschluss, Valentin in seinem Anliegen zu unterstützen. Als wir uns am folgenden Tag über die Idee weiter austauschten, es war der 27. April 1992, wurde dadurch der Anstoß für die Gründung der „Steinschleuder – Bewegung zur Bewegung“ gegeben, die in den Folgejahren den Bau und die Ausstattung der Krankenstation besorgte und organisierte. Das ganze Vorhaben war innerhalb der Jugendarbeit der Christengemeinschaft verankert. So kam es auch, dass am 18. Juli 1993 während eines Baucamps im Ferienlager mit den Jugendlichen und einigen ukrainischen Mitarbeitenden des Ferienlagers die Menschenweihehandlung gefeiert wurde. Wenn man von improvisierten Handlungen in den Gefangenenlagern des zweiten Weltkriegs absieht, war das vermutlich die erste Feier der Menschenweihehandlung auf ukrainischem Boden. Auch das geht also auf den Impuls von Valentin zurück!

Im Jahr 1995 war die Krankenstation mit 24 Betten fertig gestellt, und damit dieses Projekt der „Steinschleuder“ in der Ukraine abgeschlossen. Eine Gruppe von Therapeuten und weiteren engagierten Menschen gruppierte sich in einem Verein um die Eheleute Erna und Manfred Weerts, um die in der Ukraine gesetzten Impulse weiter zu begleiten. Diese Verbindung blieb bis zum Erdenabschied Valentins beständig.

Die „Steinschleuder – Bewegung zur Bewegung“, zu deren Gründung es durch den Anstoß von Valentin gekommen war, ist seit 1992 bis auf den heutigen Tag in Projekten in aller Welt aktiv. Bei einer Jugendtagung im Februar diesen Jahres haben wir uns nach dem Erdenabschied Valentins darum bewusst gemacht, dass sein Impuls und Anliegen auf diesen Wegen tatsächlich Menschen in aller Welt erreicht hat. Dass Valentin dadurch nicht in großes öffentliches Ansehen geriet, passt gut zu seinem Wesen, das so wirksam und zugleich bescheiden ist. Er ist fraglos eine Person des Zeitgeschehens – aber eine, die man leicht übersehen kann.

Zwar war Valentin 1991 zum Präsidenten der Vereinigung der Ärzte von Tschernobyl gewählt worden, hatte für seinen heldenhaften Einsatz diverse staatliche Auszeichnungen erhalten, aber die äußeren Umstände seines Lebens blieben immer anstrengend. Die Familie versorgen zu können, erforderte zuweilen zwei Arbeitsstellen – und ein gehöriges Maß an Improvisation. Und dann kam jüngst der Krieg. Die Klinik, an der Valentin arbeitete, lag direkt im Kampfgebiet. Dennoch pflegte Valentin mit großer Kraft seinen Willen zum Leben!

Unvergesslich geblieben ist mir auch die erste Reise Valentins nach Deutschland. Er hospitierte damals durch unsere Vermittlung in der onkologischen Pädiatrie am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke, begegnete so erstmals der anthroposophischen Medizin, und hielt einige Vorträge und Gesprächsrunden zu seinen Erfahrungen und Vorhaben. So gab es im November 1992 auch eine weitere Begegnung mit den Jugendlichen der „Steinschleuder“. Gemeinsam mit Georg Blattmann hat Valentin da von den Gefahren der Atomenergie gesprochen, aber auch von jener Kraft, die alles Sterben überdauert. Sterben wirklich als einen Teil des Lebens zu verstehen, darauf käme es an. Dazu sagte Valentin damals: „Jeder Zweig menschlichen Lebens und menschlicher Zivilisation beinhaltet auch etwas, was stirbt und dadurch neues Leben ermöglicht. Die Katastrophe von Tschernobyl muss einen neuen Bewusstseinsprozess einleiten. Man wird zu ganz neuen Gedanken finden können.“ Genau das hat Valentin Bjelokon als Mensch und als Arzt vorbildlich gelebt!

 

Anm.: Zum Projekt der „Steinschleuder“ in der Unkraine ist von mir das Buch „Feuer in Tschernobyl“ erschienen (ISBN 3-926841-58-3), in dem auch ein längeres Interview mit Valentin Bjelokon enthalten ist. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich.