„Entwicklungszusammenarbeit“ oder „entwickelnde Zusammenarbeit“?!

Nomen est Omen! Benutzt man Kernbegriffe, legt man sich auf Verständnisweisen fest, die meistens dem Mainstream folgen. Das funktioniert in der Regel so lange gut, bis man entdeckt, dass das eigene Verständnis des bezeichneten Sachverhalts durch den Mainstream eben nicht erfasst wird. Beim InterAKTION-Wochenende im Dezember sprachen wir über unser Selbstverständnis und darüber, ob sich das mit dem allgemein verbreiteten Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ fassen lässt. Johanna Fürst berichtet im folgenden Text von der „Spurensuche“ und dem erzielten Ergebnis.

„Entwicklung“ ist ein schönes Wort. Ein Wort, das in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen gerne und oft benutzt wird. Es ist aussagekräftig und bezeichnet einen Prozess, also eine stetige Veränderung. Ein Gefühl von Entfaltung, Bewegung und Fortschritt wird vermittelt – ich persönlich habe immer das Bild einer Spirale vor dem inneren Auge. Der Ausdruck „Wickeln“ als Hauptbestandteil des Begriffes „Entwicklung“ vereint Gegensätze. Es wird eine kreisende Bewegung durchgeführt, um etwas festzuschnüren.

Für alle Eltern ist es eine aufregende Zeit, die Entwicklung ihrer Kinder zu beobachten, auch wenn dies immer mehr zu einem fremdbestimmten Prozess wird. Weiterhin begegnet uns dieses Wort in der Beschreibung von Unterschieden in den politischen, gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Strukturen von verschiedenen Regionen unserer Welt, und damit einhergehend ist aber meist eine Wertung verbunden. Entwicklung ist darin kein neutraler Begriff mehr!

Vor allem durch die Voranstellung von Wörtern wie „hoch“ und „unter“ werden unweigerlich Assoziationen geweckt und die unzähligen, sich immer weiter vermehrenden sog. humanitären Organisationen festigen diese Bilder noch durch ihre Informationskampagnen.

Entwicklung wird oft mit Fortschritt gleichgesetzt, aber dies sollte kritisch hinterfragt werden. Denn vielleicht sind die Menschen in westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern mit vielen überflüssigen materiellen Gütern ausgestattet? Wir bemerken jedenfalls immer mehr, dass es in unseren Gesellschaften an moralischen Werten mangelt. Diese sind nicht durch einen einfachen Gang ins Kaufhaus zu erwerben! Und Armut und Reichtum sind schwer zu definierende Begriffe.

In den vergangenen Jahren wurde das Wort „Entwicklungshilfe“ in Fachkreisen zu einen Tabu und durch „Entwicklungszusammenarbeit“ ersetzt. Ebenso musste sich die Bezeichnung „Entwicklungsland“ einer kritischen Analyse unterziehen. So wird heute im Bemühen um wissenschaftliche Korrektheit schließlich lieber von den sog. „Ländern des Globalen Südens“ gesprochen.

Es ist zu begrüßen, wenn der (eigene) Sprachgebrauch hinterfragt, und an aktuelle Veränderungen angepasst wird. Und wer hätte gedacht, dass der Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ eine Diskussion über mögliche Interpretationen dieses Wortes auslösen könnte. Wie aus dem Nichts kam dann plötzlich der Vorschlag zu einer kleinen, aber doch vielsagenden Veränderung. „ENTWICKELNDE Zusammenarbeit“! Ein großer Unterschied, oder? Vielen Dank an Jonas, dem dieser Einfall widerfuhr!

„Entwickelnde Zusammenarbeit“ anstatt „Entwicklungszusammenarbeit“: Den Fokus bei der Arbeit mit Menschen in anderen Ländern und unterschiedlichsten Kulturen legen wir auf den gegenseitigen Austausch, und jeder von uns macht dabei einen persönlichen Lernprozess durch. Wir betrachten uns selber als Lernende, als Erforscher*innen unserer Selbst, und sicherlich steckt da immer auch ein kleines bisschen Egoismus dahinter. Das sollte sich jeder bewusst machen und nicht als Makel betrachten, sondern vielmehr als eine gesunde Lebenseinstellung.

Niemand möchte gerne als Bittsteller von anderen Menschen abhängig sein. Darum sollte der Austausch und Handel von Waren, Wissen und Erfahrungen für uns alle eine Möglichkeit sein, anderen Kulturen mit Respekt und Offenheit zu begegnen. Ich finde, dass sich diese Werte in der Formulierung „entwickelnde Zusammenarbeit“ widerspiegeln. Für mich persönlich löst sich mich diesen doch eigentlich recht simplen Worten ein Knoten, der sich lange mit der Frage verbunden hat, wie sich Menschen ein friedvolles Zusammenleben gestalten können.