Rückblick auf die Zukunft

Ein Sommer in Ecuador

 

(nm) Es ist ein lauer Sommerabend im September. Ich sitze im Garten, eine leichte Brise weht durch die Bäume, deren Blätter langsam ihre Farbe ändern. Ich bin zurück. Schaue mich um, schaue mit verändertem Blick. Ich nehme einen tiefen Atemzug und träume, lasse meine Gedanken schweifen.

 

Ich finde mich auf den Schwingen eines Andenkondors wieder. Er trägt mich über den atlantischen Ozean, wir lassen Brasilien hinter uns, überqueren Peru und landen im Nord-Westen Ecuadors. Es war ein langer Flug, die Temperaturen stiegen mit jedem Flügelschlag. Ich sehe das Meer, doch diesmal ist es der Pazifische Ozean. Die Welt um mich herum sieht ganz anders aus, als ich es gewohnt bin. Keine Fachwerkhäuser, keine Ziegeldächer, stattdessen kleine Hütten. Wellblech gibt Schutz vor Regen und Sonne. Meine nackten Füße berühren spitze Steine. Der Andenkondor erhebt sich in die Lüfte. Ich gehe einen Schotterweg entlang. Der Sand wir aufgewirbelt durch einen an mir vorbeifahrenden bunten Bus voller Menschen. Warm ist es hier; ganz anders fühlt es sich an, als der Sommer aus dem ich gerade komme. Laut ist es um mich herum, doch es ist nicht das Rauschen der Autobahnen, nicht der Verkehr aus der Stadt. Es sind das Rauschen eines Flusses und das Zwitschern der Vögel. Der Wald um mich herum wirkt so anders als die in Reih und Glied gepflanzten Bäume aus der Heimat. Ich folge dem Weg und erreiche nach einiger Zeit die Sonnenschule. Mein Zuhause für den Monat August. Hier habe ich gelacht, geweint, gespielt, gearbeitet, geschlafen, gekocht und genossen. Ein Leben fernab der Zivilisation. Ein Ort an dem ich meiner Kreativität freien Lauf lassen konnte.

Die Kinder kommen gerade aus der Schule. Sie sind nicht mehr nur noch „die Kinder“ für mich, wie es noch vor einigen Monaten war. Sie sind meine Freunde, mit denen ich viele Stunden verbracht habe. Ich verbinde mit jedem von ihnen eine Geschichte, kenne ihre Namen, ihr Lachen, ihre Träume. Wir haben gemeinsam das Leben erforscht. Sie haben mir geholfen anzukommen in der Fremde und mir gezeigt, was ihre Heimat ist. Das gemeinsame Spielen und Arbeiten hat uns die Türen in die jeweils anderen Leben geöffnet. Als sie in der Schule waren haben wir als Gruppe gemeinsam mit Frank und einigen Nachbarn wieder frischen Wind in das Projekt gebracht. Fenster in den Häusern schützen nun vor Regen, kein Hochwasser wird mehr die Gebäude überschwemmen. Alle Räume sind bewohnbar, sie bieten Schutz und Geborgenheit. Die Kinder können sich nun in die Höhe hinauf wagen. An der neuen Kletterwand lässt sich erproben, wie es sich anfühlt – aus eigener Kraft – hinaufzuklettern, ähnlich wie in den Bäumen, und doch anders. Stück für Stück ein wenig höher, die eigenen Grenzen erweitern

Gemeinsames Kochen mit den Müttern hat mir einen weiteren Einblick in die Kultur und das umliegende Dorf gewährt. Neues ausprobieren, Altbewährtes lernen: gegenseitige Inspiration hat jeden Tag besonders gemacht. Es war aufregend. Viele neue Erfahrungen bereichern nun unser aller Alltag.

Nun stehe ich hier mit ruhig klopfendem Herzen. Zu Beginn unseres Baucamps war das ganz anders. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. War neugierig, wollte mehr von der Welt sehen, wollte von Menschen aus einer so anderen Kultur lernen. Fand mich dabei darin wieder, meine inneren Grenzen zu erweitern, Bilder und Erzählungen über Ecuador, die ich von Zuhause mitbrachte, begreifbar und fühlbar werden zu lassen. Nun kenne ich Pflanzen und Tiere, von denen ich vorher noch nie gehört hatte, verstehe eine Sprache, die mir Fremd war und habe eine Schatzkiste mit vielen Erlebnissen und Erfahrungen, an denen ich mich auf meinem weiteren Weg erfreuen kann, und die mich daran erinnern, wie es ist in Aguas Frias zu leben, mit neuen Rezepten und kreativen Ideen.

Es wird frisch. Ich öffne meine Augen und befinde mich wieder im Garten in Deutschland. Ein warmes Gefühl durchströmt mich, gefolgt von Dankbarkeit für das, was ich im Sommer in Ecuador erleben durfte.